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Wie abhängig sind wir wirklich von den USA und China?

Kategorie

Expertise

Datum

15. Januar 2025

Wie abhängig sind wir wirklich von den USA und China? Und was steht für uns auf dem Spiel, wenn die neue US-Regierung eine Abschottungspolitik verfolgt?

Die Lage wird oft dramatisch dargestellt: Wenn die USA oder China als Markt für deutsche Produkte – etwa Autos – wegfallen, seien weite Teile der deutschen Exportwirtschaft in ihrer Existenz gefährdet.

Die Prognos-Weltwirtschaftsexperten haben sich die Zahlen für die Süddeutsche Zeitung genau angeschaut und gesehen: Die deutsche Wirtschaft ist mit den USA enger verflochten als mit China. Würden sich die USA abschotten, müssten wir mit gravierenden Einkommens- und Jobverlusten rechnen.  

Direkt zum Artikel in der Süddeutschen Zeitung (€)

Wirtschaftliche Verflechtungen mit den USA und China

Folgende Dimensionen haben wir in der Analyse betrachtet:

  • Außenhandel: Die USA sind mittlerweile der deutlich wichtigere Absatzmarkt. Deutschland exportierte im Jahr 2023 rund 10 Prozent seiner Ausfuhr in die USA. Nach China gingen lediglich rund 6 Prozent. Dabei war in den letzten Jahren eine Verschiebung festzustellen. Noch im Jahr 2020 war der chinesische Absatzmarkt aus der Sicht der deutschen Exporteure annähernd so groß wie der US-amerikanische. Umgekehrt verhält es sich beim Import. Aus China stammten im Jahr 2023 rund 12 Prozent der deutschen Importe, aus den USA rund 7 Prozent.
  • Beschäftigung: Im Jahr 2023 waren mehr als 11,9 Millionen Deutsche – das entspricht über einem Viertel der Beschäftigten – direkt oder indirekt für den Exportsektor tätig. Dabei arbeiteten rund 1,2 Million Menschen für den US-Markt, während etwa 0,8 Millionen Beschäftigte auf den chinesischen Markt entfielen.
  • Schlüsselbranchen: Für einige Branchen spielen die beiden Absatzmärkte eine besondere Rolle. Die deutsche Pharmaindustrie ist überdurchschnittlich stark mit den USA verflochten. Die USA sind der wichtigste pharmazeutische Innovationsstandort der Welt, zahlreiche führende Pharmahersteller haben dort ihren Sitz. Bei der Elektrotechnik hingegen importiert Deutschland in hohem Umfang Waren aus China. Das lässt sich wiederum auf die starke Stellung chinesischer Unternehmen in diesem Bereich zurückführen.
  • Investitionen: Bei der grenzüberschreitenden Investitionstätigkeit ist Deutschland deutlich enger mit den USA verflochten als mit China. So lag 2023 der US-amerikanische Anteil am gesamten Bestand deutscher Auslandsinvestitionen bei 17 Prozent, auf China entfielen lediglich 5 Prozent.
  • Forschung: Deutsche Unternehmen forschen häufiger in den USA als in China. Eine Patentanalyse zeigt, dass rund 17 Prozent der im Ausland stattfindenden (patentierten) Forschung der deutschen Unternehmen auf die USA entfällt, der Anteil Chinas liegt bei lediglich rund 9 Prozent.
  • Rohstoffe: Beim ausländischen Bezug von Rohstoffen spielen in der Gesamtschau zwar weder die USA noch China eine zentrale Rolle für Deutschland. Allerdings ist Deutschland bei einzelnen kritischen Rohstoffen wie Seltenerdmetallen oder Magnesium stark von China abhängig. Und aus den USA importiert Deutschland vermehrt Energierohstoffe.  

Deutschland ist insgesamt enger mit den USA als mit China verflochten

Die geopolitische Rivalität zwischen den USA und China dürfte in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Deutschland und die deutschen Unternehmen könnten – mehr oder weniger explizit – vor die Wahl gestellt werden, sich für eine der beiden Seiten – und damit für einen der beiden Märkte – zu entscheiden. Zwar mag zunächst der Eindruck entstehen, dass Deutschland mit beiden großen Volkswirtschaften ähnlich eng verwoben ist. Doch der vertiefte Blick zeigt, dass die ökonomischen Beziehungen und Abhängigkeiten zu den USA insgesamt tiefgreifender sind.  

Das bedeutet auch: Sollten sich die USA mit der kommenden Amtszeit von Präsident Donald Trump verstärkt abschotten, dürfte das für einzelne Branchen und Wertschöpfungsketten gravierende Auswirkungen haben.

Gleichwohl gilt, dass die gezeigten Abhängigkeiten keinesfalls einseitig sind. Auch wir sind für die USA wie für China ein zentraler Partner. Dies gilt insbesondere auf europäischer Ebene. So ist die EU sowohl für die USA als auch für China ein sehr bedeutsamer Absatz- und Beschaffungsmarkt.  

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Stand: 15.01.2025

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